21.01.2014

Streit um den Münsteraner Professor Dr. Mouhanad Khorchide

Um das Islamverständnis und die Koraninterpretation des Münsteraner Professors für islamische Theologie, Dr. Mouhanad Khorchide, ist ein Streit entbrannt. Prof. Dr. Werner Kahl legt eine Stellungnahme zum sog. "Gutachten des Koordinationsrates der Muslime (KRM) zu theologischen Thesen von Mouhanad Khorchide in seinem Buch 'Islam ist Barmherzigkeit'" (Dez. 2013) vor. Kahls Stellungnahme ergeht aus akademisch theologischer Perspektive und versteht sich als Beitrag zu einer sachgerechten Einschätzung des Gutachtens sowie des gesamten Vorgangs.

Die Kritik Mohammad Khallouks an der von Mouhanad Khorchide in „Islam ist Barmherzigkeit“ verfolgten Methodik basiert auf einer stark verzerrenden Präsentation sowohl des Buchs als auch christlicher Theologie.[1] Die Methodik, die Argumentationsstruktur und das Anliegen Khorchides sind in dem Gutachten nicht wiederzuerkennen. Die von Khallouk referierten christlichen Glaubensinhalte und Exegetica sind Ausdruck einer erheblichen Missrepräsentation dessen, was in Kirchen geglaubt und in der Theologie gelehrt wird. Kriterium der Einschätzung von Khorchides Überlegungen, von Bibel und christlicher Theologie ist für Khallouk folgendes Bekenntnis: „Der Koran aber ist von (sic!) Erzengel Gabriel vollständig und ausschließlich dem letzten Propheten und Gesandten Mohammed vermittelt worden, dies zudem in extrem kurzer Zeitspanne“ (6).

Damit würde sich eine „an der Theologie Bultmanns orientierte historisch-kritische Textanalyse“ (6) erübrigen. Khallouk arbeitet mit der Unterstellung, dass Khorchide die innerhalb der aufgeklärten Theologie entwickelte und erprobte historisch-kritische Methodik auf die Koranexegese anwenden würde, muss aber gleich zu Beginn seines Gutachtens „die seltene Verwendung spezifisch theologischer methodischer Fachbegriffe wie Textkritik, Textanalyse, Redaktions- oder Literarkritik“ registrieren (3). Tatsächlich ruft Khorchide in seinem Buch die historisch-kritische Methodik christlicher Exegese an keiner Stelle auf, geschweige denn eine „an der Theologie Bultmanns orientierte historisch-kritische Textanalyse“. Allein diese Formulierung lässt zweifelhaft erscheinen, dass Khallouk auch nur im Entferntesten weiß, wovon er spricht. Der an den schriftlichen Koran im buchstabengetreuen Sinn glaubende Gutachter operiert hier ausgerechnet mit einem Schreckgespenst, das vor gut einem halben Jahrhundert in der evangelikalen – und übrigens strikt antiislamischen! – sogenannten Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“ bemüht wurde, um die sich von dem bedeutendsten Exegeten des 20. Jahrhunderts, Rudolf Bultmann, herleitende Methodik und Interpretation des Neuen Testaments zu diskreditieren.

Dem Gutachter ist zudem entgangen, dass die Theologie und Exegese Bultmanns seit einer Generation in Theologie und Kirche als überholt gilt und keine Rolle mehr spielt, als auch das Faktum, dass die gegenwärtige Exegese bei aller Verpflichtung zu historischer und kritischer Textanalyse den historisch-kritischen Methodenkanon insgesamt einer gründlichen Kritik unterzogen hat, die sich an Erkenntnissen von Literaturwissenschaft und Semiotik orientiert.

Khallouks Gutachten offenbart ein erhebliches Maß an Ignoranz bezüglich exegetischer Basisinformationen, wie an dem folgenden Zitat deutlich wird: „Zwischen dem Leben Jesu und der Niederschrift durch die Evangelisten und erst recht den Briefen der Apostel bestanden (...) Jahrzehnte (...)“ (5, Hervorhebung: WK). Exegetisches Grundwissen ist: Die vier Evangelien sind hinsichtlich ihrer jeweiligen Endredaktion in die Zeit zwischen 70 und 100 zu datieren, die primären Paulusbriefe fast gänzlich in die 50er Jahre des 1. Jahrhunderts. Zwischen dem 1. Thessalonicherbrief als dem ältesten neutestamentlich erhaltenen Paulusbrief aus dem Jahr 50 und der Kreuzigung (!) Jesu um 30 bestehen also zwei Jahrzehnte. Demgegenüber möchte Khallouk, wie oben zitiert, eine „extrem kurze Zeitspanne“ der Offenbarung an Muhammad als Argument für die Verlässlichkeit der koranischen Überlieferung reklamieren. Es sollte allerdings bedacht werden, dass einerseits zwischen Erst- und Endoffenbarung an Muhammad 23 Jahre zu veranschlagen sind und ab seinem Tod (632) bis zur Endredaktion (!) des Korans nochmals mindestens – falls unter Uthman zustande gekommen, wie die muslimische Tradition annimmt  – gut ein Jahrzehnt.  Neben dieser immerhin über 30 Jahre währenden Zeitspanne lässt auch die in der muslimischen Tradition allgemein anerkannte Tatsache der Einfügung medinischer Zusätze in mekkanische Suren eine kom-positions- und redaktionskritische Analyse des Korans sehr wohl angeraten erscheinen. Dieses Anliegen aber verfolgt Khorchide in seinem Buch nicht. Wohl aber unterscheidet er mekkanische von medinischen Suren und er macht koranische Aussagen in Verbindung mit je konkreten Situationen an den verschiedenen Orten verständlich. Khallouk hingegen hält eine nach Offenbarungssituationen und Orten differenzierte, kritische Korananalyse für nicht sachgemäß.

Khorchide plädiert für eine historisch differenzierte Interpretation der koranischen Bezugnahmen auf „Juden, Christen und Angehörige anderer Religionen“ (186). In Bezug auf Christen bedeutete dies die Ablehnung einer biologistisch gefassten Trinitätslehre, wie sie im Koran vorausgesetzt scheint und wie sie unter Christen auf der arabischen Halbinsel des 7. Jahrhunderts verbreitet gewesen sein mag. Ein solches tritheistisches Missverständnis der Beziehung von Vater, Sohn und Heiliger Geist dürfe aber heutigen Christen nicht unterstellt werden. Dagegen wendet Khallouk ein: „(D)ie Trinitätslehre ist jedoch nach wie vor ein Element der Christlichen Theologie, die der Islam nicht kennt (sic!)“ (7). Selbstverständlich erkennt der Islam die christliche Trinitätslehre nicht an, allerdings wird sie in der gegenwärtigen Theologie auch nicht biologistisch begriffen. Aber auch auf dem Hintergrund der tief philosophischen innerislamischen Auseinandersetzungen um die Frage der Erschaffenheit oder der Ewigkeit des Korans bzw. grundsätzlicher um die Möglichkeit göttlicher Kommunikation mit den Menschen angesichts einer postulierten absoluten Transzendenz und Unveränderlichkeit Gottes dürfte es Strukturanalogien zwischen islamischer Offenbarungstheologie und christlicher Trinitätslehre geben.

Die folgende Behauptung Khallouks bringt abschließend seine konfessionalistische Voreingenommenheit, die einer theologisch verantworteten oder auch nur respektvollen Repräsentation eines anderen Glaubenssystems Hohn spricht, deutlich zum Ausdruck. Gegen Khorchides korrekte – d.h. der Binnenperspektive angemessene – Beobachtung, wonach in christlicher Sicht „Jesus als Offenbarung Gottes“ und die Bibel als Sammlung von Zeugnissen über Jesus gilt (185), behauptet der Gutachter: „Jesus wurde weder damals noch wird er heute als ‘die Offenbarung selbst’ gesehen. Diese handelt lediglich von ihm, bzw. als Offenbarung des Johannes von der hierin prophezeiten Wiederkunft Jesu“ (7). Als Neutestamentler, als Theologe und als gläubiger Christ muss ich hier vehement widersprechen: Dass Jesus Christus – insbesondere im Kreuzigungs- und Wiederauferweckungsgeschehen – tatsächlich das letztgültige Offenbarungsereignis Gottes darstellt, macht mit den Schriften des Neuen Testaments und mit der christlichen Tradition in all ihrer Vielgestalt bis in die Gegenwart das Grundbekenntnis des christlichen Glaubens aus, so wie für Muslime der Koran, d.h. die Offenbarung an Muhammad mit einem Letztgültigkeitsanspruch versehen wird – hier wie da geht es in der Theologie aber um die begründete und nachvollziehbare Beschreibung der Bedeutung der jeweiligen Offenbarungsgrundlage in der Gegenwart. Das gilt von Augustin bis Luther, von Barth bis Tillich, von den orthodoxen über die protestantischen Kirchen bis zur römisch-katholischen Kirche.

Seine konfessionalistische Brille verleitet Khallouk dazu, absolut klare und eindeutige Aussagen – sei es von Seiten Khorchides, sei es von Seiten des Christentums –, die mit seiner Glaubensauffassung nicht kompatibel sind, zu überblenden bzw. zu verfälschen. Die je andere Position, so missrepräsentiert, wird dann diskreditiert. Diese unwissenschaftliche, polemische und respektlose Vorgehensweise wirft ein vielsagendes Licht auf die von Khallouk vertretene Glaubensperspektive. Sollte sie in Deutschland vermehrt anzutreffen sein, erscheint die Förderung von kritisch reflektierenden Muslimen als Lehrstuhlinhaber zur Gestaltung einer unabhängigen Islamwissenschaft zur Ausbildung von ReligionslehrerInnen und Imamen umso dringender.

Khorchide entfaltet eine „humanistische Koranhermeneutik“ auf 37 Seiten. Hier favorisiert er eine „historische Kontextualisierung des koranischen Texts“. Dabei beruft er sich nicht auf die historisch-kritische Exegese der Bibelwissenschaften, sondern auf literaturwissenschaftlich informierte und hermeneutisch reflektierte Ansätze von Gelehrten der sogenannten Ankaraner Schule. In dieser Tradition versucht er – m.E. gut begründet – ein vorkritisches, wortwörtliches Verständnis des Korans zu überwinden. Als hermeneutischen Schlüssel zu einem angemessenen Verständnis des Korans schlägt er die „Barmherzigkeit Gottes“ vor. Dies legt sich auch aufgrund der Tatsache nahe, dass Barmherzigkeit das am häufigsten benannte Attribut Gottes im Koran darstellt. Dabei geht es letztlich um die theologische und ethisch relevante Klärung der Frage, wie ein Leben in größtmöglicher Entsprechung zum Willen Gottes – so wie er nach islamischem Verständnis grundsätzlich im Koran vorliegt, wenn auch historisch kontextualisiert und vermittelt durch die Enzyklopädie der arabischen Halbinsel des 7. Jahrhunderts – unter gegenwärtigen Bedingungen und Möglichkeiten zu gestalten sei.

Die Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“ hatte versucht, die scharfsinnigsten unter den Exegeten des 20. Jahrhunderts, die sich um eine Interpretation des Neuen Testaments unter den Bedingungen der Moderne bemühten und verdient gemacht haben, nämlich Rudolf Bultmann und Ernst Käsemann, theologisch und kirchlich zu diskreditieren. Damit ist sie grandios gescheitert. Die theologischen Auseinandersetzungen damals zwischen „bibeltreuen“ und reflektierten Christen waren wohl unausweichlich in einer sich rapide wandelnden Zeit; sie mussten ausgetragen werden. Ähnliches gilt für das Austarieren gültiger und problematischer Lektüren des Korans im gesellschaftlichen und enzyklopädischen Kontext Deutschlands im 21. Jahrhundert. Insofern kommt den Entwürfen Khorchides und seiner muslimischen Kollegen und Kolleginnen auf islamwissenschaftlichen, theologischen und religionspädagogischen Lehrstühlen in Deutschland eine besondere Bedeutung zu.

Prof. Dr. Werner Kahl, Hamburg, den 20. Januar 2014

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